Ludwig Hasler (1944), Physiker, Philosoph und einer der pointiertesten Beobachter unserer Zeit.
Er lehrte viele Jahre an Schweizer Universitäten und arbeitete parallel als Journalist und Kolumnist, eine Kombination, die seinen Stil bis heute prägt: wissenschaftlich klar, philosophisch tiefgründig, humorvoll und kritisch.
Seit über zwanzig Jahren ist er als freier Publizist und Referent tätig. Er denkt laut über das nach, was unsere Gesellschaft bewegt: Werte, Verantwortung, Alter, Menschlichkeit. Er ist ein Denker, der unbequem fragt, leicht erklärt und hat einen unverwechselbaren Witz und Scharfsinn.
Heute stelle ich die Fragen und freue mich auf unbequeme Antworten.
Werte in Bewegung: Werteverlust oder Wertediffusion?
Claudia Graf: Herr Hasler, haben wir heute einen Werteverlust oder eher einen Wertewandel?
Ludwig Hasler: Nein, weder noch. Wir erleben eine Wertediffusion. Früher war klar, welche Werte gelten, religiös, kulturell, sozial. Diese Selbstverständlichkeit ist verschwunden: durch Migration, Pluralisierung, den Zerfall religiöser Einheiten.
Heute müssen wir uns selbst orientieren. Der Mensch folgt keinem fixen Programm wie ein Tier, er richtet sein Handeln nach Werten aus. Und ein Wert hat immer zwei Bedeutungen: Er ist Ausrichtung und gleichzeitig Rückkoppelung. Wenn ich einem Wert folge, fühle ich mich selbst wertvoller.
Das Schwierige heute: Viele Menschen wissen, wie sie leben sollten, tun es aber nicht. Das erzeugt schlechte Laune. Darum mein Rat: Einfach anfangen! Niemand hindert einen, so zu leben, wie man es für richtig hält.
Was materielle Werte können und was nicht
Claudia Graf: Haben sich Ihre eigenen Werte mit dem Alter verändert?
Ludwig Hasler: Natürlich. Meine Generation kam aus der Armut. Der grosse Wert war Wohlstand: ein gutes Leben, ein schönes Haus, Sicherheit. Und irgendwann die berühmte „ganze Wurst auf dem Teller“.
Aber wer mit einer Wurst nicht glücklich wird, wird mit siebzehn auch nicht glücklich. Materielle Werte haben eine kritische Grenze. Dahinter wird man nicht zufriedener, sondern eher gieriger. Die moderne Gesellschaft glaubt immer noch, dass äussere Lebensqualität automatisch seelisches Wohl erzeugt. Ein Irrtum. Wir delegieren unser Lebensgefühl an Dinge und wundern uns, dass sie die Seele nicht nähren.
„Der Mensch ist schlecht als Katze.“
Claudia Graf: Kann man die Seele nähren, indem man Gutes tut?
Ludwig Hasler: Ja, aber zuerst nährt man sie, indem man in Beziehung tritt. Die berühmte Harvard-Studie zeigt es seit bald 90 Jahren: Glück kommt nicht von Dingen, sondern von Beziehungen.
Katzen können wunderbar allein sein. Der Mensch ist aber schlecht als Katze. Wir sind nicht gerne allein. Wir müssen aus uns herausgehen, um uns zu finden. Wir brauchen Tätigsein, Verbindung, gemeinsames Handeln.
Warum wir Gutes tun wollen und es trotzdem oft lassen
Claudia Graf: Was hindert uns daran, Gutes zu tun?
Ludwig Hasler: Der Gedanke „Als kleiner Fisch kann ich doch nichts ausrichten.“ Aber selbst der kleinste Fisch kann etwas tun. Gutes tun heisst: Ich verstärke das, was ich für gut halte, im grösseren Ganzen. Das beginnt in der Nachbarschaft, an der Urne, im Gespräch.
Und es lohnt sich. Die glücklichsten Alten sind jene, die nicht nur für sich leben: die Freiwilligen, der Quartierbeiz-Wirt, der Mentor. Sie tun Gutes und werden selbst lebendiger. Ich nenne das reziproken Egoismus. Das ist nicht schändlich, sondern zutiefst menschlich.
Stiften: Vermächtnis, Endlichkeit und die Frage, ob Stifter weiterleben
Claudia Graf: Manche Stiftende wollen sichtbar bleiben, andere anonym. Leben Stifterinnen und Stifter mit ihrer Stiftung weiter? Wollen sie in Erinnerung bleiben?
Ludwig Hasler: Das halte ich für das Klügste, was man tun kann. Wir haben heute ein Problem, das frühere Gesellschaften nicht kannten: die brutale Endlichkeit. Über Jahrhunderte galt das Alter als Übergang in ein anderes Leben. Jetzt ist das Alter Endstation. Und damit haben viele Mühe.
Eine Stiftung, eine Schenkung, jede Form von Engagement zugunsten einer Idee ist deshalb ein Stück Überwindung dieser Endlichkeit. Etwas geht in meinem Sinn weiter. Das ist tröstlich.
Viele gründen ihre Stiftung erst spät. Einerseits wegen der finanziellen Möglichkeiten. Andererseits ist es ein späteres Ausrichten des eigenen Lebens auf etwas, das Bestand haben soll.
Claudia Graf: Ist das also ein Vermächtnis oder eine nachträgliche Korrektur?
Ludwig Hasler: Es kann beides sein. Und beides ist ehrenwert. Jede Korrektur zum Guten ist wünschbar. Man darf dabei nicht vergessen: Solange wir leben, brauchen wir Geld für uns. Gutes tun fällt paradoxerweise leichter, wenn man tot ist, weil man dann nichts mehr braucht und von nichts mehr abgelenkt wird.
Altern heisst nicht mutiger werden, aber bewusster
Claudia Graf: Führt das Bewusstsein der Endlichkeit zu mehr Mut?
Ludwig Hasler: Nein. Wir werden im Alter nicht mutiger. Wir leben im Grunde einfach weiter, was wir immer waren, auch unsere schlechten Eigenschaften. Aber wir spüren die Endlichkeit stärker. Und jeder Mensch, egal was er unter Gut oder Schlecht versteht, trägt ein Bedürfnis in sich: er möchte seine Lebenszeit irgendwie bemerkenswert gestalten. Nicht rühmlich, aber anständig, sinnvoll.
Früher genügten gesellschaftliche Standards: eine Familie, ein Haus, viele Kinder. Heute reicht das nicht mehr. Wir brauchen selbst erzeugte Bedeutung.
Und da kommen Stiftungen ins Spiel. Eine Stiftung ist gestifteter Sinn, nicht vorgegeben, sondern mein eigener. Ich will, dass etwas in meinem Sinn weitergeht. Damit gewinne ich nicht nur Bedeutung; ich werde auch entlastet. Ich bin nicht mehr der einzige Träger meines Sinns. Andere führen ihn weiter. Und dank mir.
Selbstlosigkeit, reziproken Egoismus und menschliche Motive
Claudia Graf: So uneigennützig und selbstlos ist das also gar nicht?
Ludwig Hasler: Nein. Ich halte wenig von Selbstlosigkeit. Franz von Assisi vielleicht. Aber sonst? Wenn man psychologisch nachbohrt, haben alle Handlungen Nebenmotive.
Und darum ist mir der reziproke Egoismus lieber: Ich schaue, dass andere von mir profitieren und dadurch habe ich am meisten davon. Es verhindert, dass meine Seele vertrocknet, verroht oder verblödet. Das ist die sicherste Art, Gutes zu tun.
Wichtig ist: Wer nur zu sich schaut, ist kein schlechter Mensch, aber er hat schlechte Karten. Er wird einsam werden. Er wird seelisch verarmen.
Wir sind keine unabhängigen Wesen. Dieses ganze Gerede von Unabhängigkeit ist ein Schmarren. Wir existieren immer im Zusammenhang mit anderen. Und wenn das grössere Ganze mich stärkt, dann ist es klug, dafür zu sorgen, dass es ihm gut geht.
Moralische Verpflichtung? Oder Lebensklugheit?
Claudia Graf: Gibt es denn eine moralische Verpflichtung, Wohlstand zu teilen?
Ludwig Hasler: Ich würde sagen: ja, eine Art Korrespondenz sollte es geben. Aber weniger moralisch, eher lebensklug. Wir wachsen nur im Zusammenspiel mit anderen. Wer nur an sich denkt, verarmt seelisch.
Aber das bedeutet nicht, dass jemand mit einer Million zwingend eine Stiftung gründen muss. Vermögen steckt oft in Unternehmen, und Arbeitsplätze stiften ist ja auch eine Form von Gemeinwohl.
Macht, Verantwortung und die Verjüngung durch Engagement
Claudia Graf: Eine kritische Frage: Macht es etwas mit Menschen, wenn sie über Geld entscheiden dürfen?
Ludwig Hasler: Ich glaube nicht. Geld verteilen ist nur die halbe Sache. Das Entscheidende ist: Man engagiert sich für eine Idee.
Viele Stifter beginnen erst mit der Gründung, wirklich für eine Sache zu brennen. Ich kenne bewegende Beispiele. Ein reicher 80-Jähriger las während Corona mein Altersbuch («Für ein Alter, das noch was vorhat»). Danach wusste er: Er gründet eine Stiftung. Heute ermöglicht er Kindern in Graubünden Zugang zu Programmierkursen mit ETH-Studierenden.
Der Mann blühte auf. Er merkte: Mein Geld ist mehr als Geld. Es bewegt etwas, und das bewegt wiederum mich.
Das ist der Kern: «Ich wirke mit an einer Zukunft, die nicht mehr meine sein wird.»
Das kleine Austricksen des Todes
Claudia Graf: Stiften als Möglichkeit, über den Tod hinaus zu wirken?
Ludwig Hasler: Ja. Ich erlebe das auch bei meinen Mathe-Schülern. Ich mache die Jugendlichen nicht zu Mathematikern, aber stärker, selbstbewusster. In 20 Jahren wird das ihr Leben beeinflussen, und ich werde nicht mehr leben. Aber ich werde dabei sein. Das ist das kleine Austricksen des Todes. Das finde ich besonders lustig und unendlich tröstlich.
Alter, Einsamkeit und die Illusion der Pensionierung
Claudia Graf: Warum vereinsamen so viele ältere Menschen?
Ludwig Hasler: Weil sie glauben, sie müssten „aufhören“. Dreissig Jahre Genuss, das ist ein Märchen. Man kann nicht 30 Jahre Schnitzel essen.
Das Problem des Alters ist die Einsamkeit. Viele haben alles und seelisch nichts. Die Gesellschaft kennt aber nur zwei Modelle: weitermachen wie bisher, oder ganz aufhören. Beides ist Unsinn. Wir verschwenden Erfahrungsressourcen.
Claudia Graf: Wenn jemand pensioniert ist, ist er weg?
Ludwig Hasler: Ja, genau. Die Gesellschaft lässt sie einfach aus den Systemen herausfallen.
Claudia Graf: Deshalb sollte man schon vor der Pensionierung Erfahrung weitergeben und danach in Freiwilligenarbeit eingebunden bleiben?
Ludwig Hasler: Man müsste schon ab 55 überlegen, wie man Rollen so anpasst, dass Erfahrung zählt und Junge gleichzeitig nachrücken. Und ja, die Salärordnung gehört überdacht. Es ist absurd, dass die Ältesten am meisten verdienen.
Und ohne Freiwillige würde vieles nicht funktionieren: „Senioren für Senioren“, Deutsch für Migrantenkinder. Dort sind die Alten am glücklichsten. Beziehungen machen lebendig.
Einsamkeit ist das grosse Problem des Alters. Viele merken erst, dass sie alt sind, wenn die Gebrechen kommen. Und dann sitzen sie allein da, im Ohrensessel und lassen die Welt vorbeiziehen. Und sind einsam. Man kann übrigens wunderbar zu zweit vereinsamen, fast noch besser. Paare werden oft gar nicht mehr angesprochen, weil sie sich ja gegenseitig genügen.
Meine Frau und ich leben deshalb sehr bewusst getrennte Alltage. Ich merke sofort den Unterschied: Wer allein unterwegs ist, nimmt gesellschaftlich viel stärker teil. Ich freue mich auch immer, wenn jemand erstaunt sagt: „Was, Sie sind verheiratet?“ Man sollte es einem nicht ansehen, dass man verheiratet ist.
Claudia Graf: Und die aktiven Alten?
Ludwig Hasler: Viele tun sehr viel, aber nur für sich: Marathon, Wellness, Reisen, nach Zermatt zum Gipfeli. Alles schön, aber alles für sich. Sinn entsteht erst dort, wo man gebraucht wird.
Und es gibt heute unzählige Möglichkeiten, Fähigkeiten einzubringen: „Rent a Rentner“, grossartig. Pensionierte Maurer, die eine Mauer im Garten bauen. Oder internationale Einsätze für ehemalige Hoteldirektoren, viele blühen dabei richtig auf.
Wir müssten viel stärker dort andocken, wo Menschen besondere Erfahrung haben.
Das ist sinnvolles Altern, nicht der Ohrensessel oder für ein Gipfeli nach Zermatt fahren.
Claudia Graf: Oft heisst es, Stiftungsräte seien überaltert sind. Ist das ein Problem?
Ludwig Hasler: Nur wenn Erfahrung nicht genutzt wird. Erfahrung ist „gemachtes Wissen“, Situationswissen, nicht kopierbar. In vielen Fällen sind ältere Mitglieder eine unterschätzte Ressource. Wir verschwenden diese, wenn wir Menschen abrupt aus dem Arbeitsleben entfernen.
Wenn Hasler eine Stiftung gründen könnte
Claudia Graf: Wenn Sie eine Stiftung gründen würden, welche wäre es?
Ludwig Hasler: Ein Generationenforum. Nicht nur zum Reden, sondern zum Machen. Denn Miteinander entsteht nicht im Dialog allein, sondern im Tun. Und irgendwo muss das Miteinander ja beginnen und das kann nur bei den Alten anfangen. Weil die Jungen genug mit ihrem Leben zu tun haben, das war bei mir nicht anders. Die Alten hingegen sind frei wie nie, historisch einmalig. Sie könnten Bienen retten, die Natur schützen. Wir könnten die Welt für die Jungen ein kleines bisschen weniger düster machen. Und wir hätten sogar Freude dabei.
Die Welt war früher nicht besser, nur anders
Claudia Graf: Ist die Welt heute düsterer?
Ludwig Hasler: Nein. Vieles ist besser geworden. Früher war vieles schrecklich: Bedürftigkeit, Armut, Enge. Klassengesellschaft. Frauenrechte? Grauenvoll.
Ich wünsche mir für die Jungen etwas anderes: dass man ihnen die Kindlichkeit nicht austreibt. Kindlichkeit ist eine Kraft, auch im Alter. Man hat eine Art Narrenfreiheit. Nur schade, wenn man sie erst mit 65 entdeckt.
Im Alter schrumpft alles, auch das Ich. Rettung kommt nur aus der Gegenbewegung: sich ausrichten auf etwas, das mehr Leben hat als man selbst. Auf die Jungen, Natur, Musik, Zukunft. Ich nehme teil.
Eine Stiftung ist dafür die stärkste Form der Teilhabe. Ich nehme teil an einem Leben, das stärker ist als ich. Und mich letztlich überlebt.
Mit diesem schönen Schlusswort, das man auch als Aufruf verstehen könnte, zeigt sich einmal mehr, dass Gutes tun selten selbstlos ist. Aber es ist bedeutsam. Es ist Teilhabe am Welttheater, ein Beitrag zu etwas Grösserem. Wir wirken weiter, wenn wir uns einbringen, heute, morgen und vielleicht über unser Leben hinaus.
Ein herzliches Dankeschön, Ludwig Hasler, für ein Gespräch voller wunderbarer Gedanken.
Die Hermine GmbH unterstützt Stiftungen nicht nur bei der Gründung neuer Stiftungen, sondern auch bei der Besetzung und Nachfolgeplanung ihrer Gremien und übernimmt Geschäftsführungsmandate. Entdecken Sie unsere Angebote - ich freue mich auf Ihre Kontaktaufnahme.
Bild: Ludwig Hasler (zVg)